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Die Entwicklung von Bewusst-Sein

Bild mit freundlicher Genehmigung von De Es SchwertbergerDas Hauptanliegen meiner hier vorgestellten Aktivitäten ist die Entwicklung von 'Bewusst-Sein'.

Die getrennte Schreibweise ist natürlich weder Zufall noch Irrtum, sie steht für mich dafür, dass es eben um das Sein geht, und zwar um möglichst bewusstes Sein. Also Bewusst-Sein.

Man könnte das Wortspiel noch erweitern: vom Selbstbewusstsein zum Selbst-Bewusst-Sein. Denn, wie verändert sich mein Sein, wenn sich mein enges Selbstbild eines getrennten Selbst, eines "skin encapsulated ego" hinaus zu der Weite und Freiheit des Erkennens und Erfahrens meines 'wahren Selbst' entwickelt?

Dann wird vielleicht (hoffentlich) aus einem eher rigiden, engen und durch die selbst auferlegten Grenzen des Ego definierten Selbstbewusstsein ein weites, fließendes Bewusstsein des Ungetrennt-Seins von dem einen, dem wahren Selbst, das wir alle sind. Eben Selbst-Bewusst-Sein.

 

Wie können wir unser Bewusst-Sein entwickeln?

Bewusstsein fällt nicht vom Himmel. Bewusstsein, 'passiert' uns auch nicht einfach, es entwickelt sich nicht von alleine. Um das volle Potential unseres Bewusstseins zu entwickeln, ist es gut, Bewusstsein zu verstehen ("cognition preceeds development" (Ken Wilber)). Also mir quasi eine Landkarte des Territoriums (Bewusstsein) zu verschaffen, die mir die Orientierung erleichtert und mir den Weg weisen kann.

Der Integrale Ansatz bietet uns hier hilfreiche Unterstützung, diese Landkarte zu erstellen und immer weiter zu vervollständigen. Wobei wir uns tunlichst davor hüten müssen, die Landkarte mit dem eigentlichen Terrain zu verwechseln! Alle Theorien und Modelle können nur Hilfsmittel sein, mir die Orientierung zu erleichtern. Mich selber auf den Weg zu machen, das Terrain für mich zu erforschen, können sie mir nicht abnehmen.

Oder würdest Du Dich damit begnügen, die Landkarte deines liebsten Urlaubsziels zu studieren, anstatt seinen Zauber vor Ort zu geniessen?

 

Bewusstseins-Zustände ('states')

Manchmal fällt Bewusstsein doch vom Himmel. In Form von außergewöhnlichen Bewusstseins-Zuständen, die und einfach spontan passieren können. In der Natur, bei einem wundervollen Sonnenuntergang, in sexueller Vereinigung mit meiner Geliebten kann es passieren, dass mich plötzlich eine Erfahrung tiefen Glücks, das Gefühl unendlicher Verbundenheit mit Allem oder eine ebenso tiefgehende wie kaum reproduzierbare und vor allem nicht wirklich mit prosaischen Worten beschreibbare Erfahrung überwältigt. Für einen kurzen Moment löst mein getrenntes Ich sich auf, verschmelze ich mit Allem und bade ich förmlich in einem Meer von Frieden, Liebe und Glückseligkeit. Poesie, Musik und Kunst erzählen uns von diesem Reich, in dem unsere alltägliche Sprache versagt.

Solche Bewusstseins-Zustände können spontan auftauchen, sie sind aber auch das Ziel aller Praxis in den spirituellen Traditionen: die Erfahrung der Einheit mit (m)einer Wirklichkeit jenseits meines getrennten Selbst, jenseits meines 'Ego'.

Durch unterschiedliche spirituelle Übung (Meditation, Kontemplation, Gebet, Yoga ...) kann ich diese Zustände 'trainieren'. Und wie bei jedem Training fällt es nach fleißigem Üben dann irgendwann leichter, die ausschließliche Identifikation mit meinem getrennten Selbst zu transzendieren, mein Ego Stückchen für Stückchen weiter hinter mir zu lassen und so immer öfter und immer stabiler in erweiterten Bewusstseinszuständen des Gewahrseins der Einheit mit Allem zu verweilen.

 

Bewusstseins-Stufen ('stages')

Anders bei den Bewusstseins-Stufen. Sie sind ein Maß für unsere 'Reife', dafür, wie 'erwachsen' wir geworden sind. Bei Kindern nehmen wir das noch als ganz selbstvreständlich an, dass ein 3jähriger z.B. ziemlich egositisch im Wesentlichen sich selbst im Blick hat, wohingegen wir von einem 10jährigen durchaus erwarten dürfen, dass er sich auch in die Perspektive eines Anderen hineinversetzen und die Sicht des Anderen berücksichtigen kann. Interessanterweise hat sich die Erkenntnis, dass dieser (von zahlreichen Entwicklungs-Psychologen gut untersuchte) Reifungs-Prozess ein Leben lang fortsetzen kann, noch nicht so weit herumgesprochen.

Bewusstseins-Stufen erklimme ich (vielleicht wirklich vergleichbar mit einer Leiter) Stufe um Stufe. Und ich muss mich tatsächlich ein wenig anstrengen, um höher zu kommen. Von alleine purzele ich die Leiter jedenfalls nicht hinauf...

Wie die umfangreichen Forschungen zu dem Thema belegen, erfolgt die Entwicklung unseres Bewusstseins tatsächlich in klar voneinander differenzierbaren Stufen oder Ebenen. Es gibt eine eindeutige Richtung und es ist kaum möglich, einzelne Stufen zu überspringen. Ist eine bestimmte Stufe einmal erreicht, ist ein Zurückfallen auf eine tiefere Stufe unter normalen Bedingungen unwahrscheinlich. Jean Gebser nennt diese Stufen archaisch, magisch, mythisch, rational und integral, bei Don Becks Spiral Dynamics werden sie in Farben von beige bis türkis dargestellt. Ob es nun genau 4 oder 7 oder 12 Stufen gibt oder wie ich sie benenne ist viel weniger wichtig als das An-Erkennen der Tatsache, dass es eine grundsätzliche Stufenentwicklung gibt und welchen Gesetzmäßigkeiten diese folgt.

Sowohl jeder einzelne Mensch (Ontogenese), als auch die Menschheit als Ganzes (Phylogenese) beginnt auf 'Stufe 1' und entwickelt sich dann weiter zu höheren Stufen.

Wie weit jedes Individuum dabei kommt?

Nun, das ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Neben dem Einfluss sicherlich nicht zu leugnenden Prädispositionen begünstigender wie einschränkender Art ist es im Wesentlichen eine Frage, in welcher Umgebung ich aufwachse. Stehen mir die höheren Bewusstseinsstufen als 'Rollen-Modelle', als Vorbilder zur Verfügung, fällt es mir sicher leichter, die eine oder andere Stufe zu erklimmen. Um es etwas drastisch zu formulieren: in einer Nazi-Familie in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufwachsend ist es eher schwer, mich zu einem pluralistischen und weltoffenen Humanisten zu entwickeln.

Allerdings: ich muss auch nicht auf der Stufe stehenbleiben, auf der sich die Menschen in meiner Umgebung gerade ausruhen. Ich kann durchaus, Kraft meines Wollens und meines aktiven dazu-Tuns eine neue, in meiner Umgebung (noch) nicht verbreitete Stufe erreichen oder sogar eine in der Geschichte der Menschheit gänzlich neue Stufe mit ausgestalten. Vor ca. 300 Jahren ist dies passiert, als die Aufklärung das Zeitalter der Moderne, der rationalen Wissenschaft einläutete und die bekannten bahnbrechenden Umwälzungen mit sich brachte. Zuletzt ist es vor ca. 60 Jahren passiert, als die humanistische Bewegung uns das post-moderne Zeitalter des Pluralismus und Liberalismus bescherte. Wie sonst sollten auch sonst jemals neue Stufen entstehen / entstanden sein, als durch die Pioniere, die 'Avant-Garde', die aktuelle Probleme oder Konflikte als Antrieb zur Schaffung von etwas Neuem nutzen? Wie Nietzsche es so schön formulierte: „nicht fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf…“ 

Wie weit die Menschheit dabei kommt?

Das ist die wirklich spannende Frage. Vielleicht gleich ergänzt um die Frage, wo wir (als Menschheit oder als westliche Kultur) uns gerade auf dieser Leiter befinden. Sind wir wirklich schon an dem Punkt unserer maximalen Reife angelangt? Haben wir unser gesamtes Potential bereits ausgeschöpft? Oder stecken wir vielleicht inmitten einer Entwicklung in Richtung einer vielversprechenden Zukunft, die gekennzeichnet ist durch größere Reife, mehr Weitsicht, Mitgefühl und Verantwortung? Sind wir vielleicht erst gerade dabei zu verstehen, welche Rolle wir in diesem Universum spielen und was unsere Aufgabe mit Blick auf eine nachhaltige Zukunft des Lebens auf unserem Planeten ist?

Zunächst einmal ist es gut zu realisieren, dass die Erkenntnis, dass die Menschheit sich überhaupt entwickelt, vergleichsweise jung ist. Zu den Zeiten (vor 2-3tausend Jahren), als die großen spirituellen Traditionen und Religionen entstanden, ging man jedenfalls noch von einem statischen Geschehen oder allenfalls von einer zyklischen Bewegung (dem 'Rad des Lebens') aus. Die Erkenntnis, dass es eine Evolution gibt, war schlicht nicht entwickelt! Die Erkenntnis, dass diese Evolution auch heute weiter voranschreitet, dass sie uns Menschen einbezieht, welchen Gesetzmäßigkeiten sie unterliegt und dass sie eine Richtung hat, scheint sich auch jetzt erst langsam durchzusetzen.

 

Der Zusammenhang zwischen Bewusstseins-Zuständen und Bewusstseins-Stufen

Eine weitere Erkenntnis aus der integralen Theorie ist, dass die Entwicklung erweiterter Bewusstseins-Zustände die Entwicklung höherer Bewusstseins-Stufen fördern, begünstigen kann. Und vice versa. Weder das Eine kann das Andere ersetzen, noch umgekehrt. Aber die ‚Arbeit‘ an meiner Bewusstseins-Stufen-Leiter wird mir helfen, leichter tiefere Bewusstseins-Zustände zu erreichen. Und das Training tieferer Bewusstseins-Zustände ebnet den Weg für das Erklimmen höherer Bewusstseins-Stufen, so unterschiedlich die jeweiligen Methoden auch scheinen mögen.

 

Was hat nun die 'Integrale Theorie' damit zu tun? 

Hier laufen die Dinge nun zusammen. Wenn sich Bewusstseins-Stufen nicht von alleine entwickeln, dann muss es also offensichtlich irgendetwas geben, was die Entwicklung begünstigt oder vorantreibt. Was kann das sein und wie kann ich das aktiv nutzen?

Ein Verdienst des integralen Ansatzes ist es, die Wahrheit in jeder Denkweise oder Theorie wertzuschätzen und zu versuchen, sie in ein stimmiges Gesamtbild zu integrieren. Im Gegensatz zu früheren Ansätzen, die die jeweiligen Unterschiede zu anderen Sichtweisen betonten und in der Regel versuchten, die Realität auf ihre Sicht zu reduzieren, ist der integrale Ansatz hier umfassender und 'integriert' eben auch vielleicht auf den ersten Blick widersprüchliche Aussagen oder Modelle.

Jede Aussage ist danach 'true, but partial'{end-texte} 'wahr , aber unvollständig', denn 'nobody is smart enough to be wrong all the time'{end-texte}'niemand ist clever genug, sich ständig zu irren' (Ken Wilber). Das ist aber nicht zu verwechseln mit einer Haltung 'ach, irgendwie haben doch alle recht und ich kann (und brauche) mich also gar nicht zu entscheiden'. Auf der Ebene integralen Bewusstseins spielt der unterscheidende (und bewertende) Verstand durchaus eine wesentliche Rolle. Das entscheidende Neue ist vielmehr, dass es mit einer integralen Sicht möglich ist, zahlreiche Perspektiven zugleich einzunehmen und zu halten und so ein Phänomen von so vielen Seiten zu betrachten, dass ich doch auch wieder zwischen 'richtig' und 'falsch' (oder eben 'unvollständig') unterscheiden kann.

 

Ein rekursiver Prozess

Damit wird die Beschäftigung mit dem Integralen Ansatz plötzlich zu einem rekursiven Prozess: indem ich mich mit der Integralen Theorie beschäftige, lerne ich nicht nur wozu es gut ist, mehr und mehr Perspektiven einzunehmen. Ich lerne auch, genau dies zu tun. Die Fähigkeit, weitere Perspektiven einnehmen (und halten) zu können, ist aber ein wesentliches Merkmal des Wachstums in eine höhere Bewusstseins-Stufe. Von der Errungenschaft, nicht mehr meine eigene Perspektive als die einzig wahre anzusehen (egozentrische Stufe), über die Fähigkeit immer mehr Perspektiven 'anderer' einzunehmen und für meine Entscheidungen und mein Handeln zu berücksichtigen (ethnozentrische und weltzentrische Stufe) bis hin zu der Fähigkeit, eine Perspektive auf die Perspektiven einzunehmen.

Womit wir beim integralen Bewusstsein angekommen wären. smiley