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Lehrer - Meister - Gurus

 

In einem Posting auf Facebook zu der zurzeit gerade sehr kontroversen Diskussion um das Thema 'Guru' hatte Thomas Steininger mich als 'absolut pro-Guru' ("Stefan Schoch […] ist absolut pro-Guru und sehr respektvoll.") bezeichnet.

Nein, 'absolut pro-Guru' ist meine Haltung sicherlich nicht, ich würde sie eher 'relativ pro-Guru' bezeichnen.

Was daran relativ ist und was ich mit meiner Haltung bezwecke, möchte ich in diesem Beitrag verdeutlichen.

 

Unterschiedliche Rollen: Lehrer - Meister / Guru

Als Erstes erscheint mir eine klare Differenzierung der Unterschiede Lehrer <> Meister / Guru wichtig.

Nach meinem Verständnis (oder der hier verwendeten Definition) ist ein Lehrer etwas ganz anderes als ein Meister oder Guru.

Von einem Lehrer möchte ich etwas lernen, er weiß oder kann etwas, was ich noch nicht weiß oder kann und das möchte ich gerne lernen. Dies ist eine sehr gewöhnliche (und von den meisten Menschen ohne weitere Schwierigkeiten akzeptierte) 'Wachstumshierarchie': mein Mathe-Lehrer weiß mehr über Mathe als ich, ist mir in diesem Feld somit hiearchisch überlegen und ich kann mich seiner Fachkompetenz anvertrauen und von ihm lernen. Es gibt normalerweise keinen Grund, warum ich seinem Urteil oder seinen Entscheidungen (die Mathematik betreffend) nicht vertrauen sollte, im Gegenteil. 'Partielle Hingabe' (die Mathematik betreffend) könnte man sagen.

In der Regel habe ich mich durch einen erfolgreichen Lernprozess aber auch nicht wesentlich verändert: ich kann oder weiß etwas besser, mein 'Wesen' hat sich dadurch aber nicht wirklich verändert. Ich bin immer noch der oder dieselbe wie vorher, nur halt ein bisschen schlauer, wissender oder mit anderen Fertigkeiten ausgestattet.

Selbst wenn der Lehrer ein ziemlicher Idiot ist und der Lernprozess dadurch nicht erfolgreich, der potentielle Schaden hält sich in Grenzen: vielleicht habe ich Mathe nicht richtig gelernt und die Lust daran ist mir auch noch verdorben. Dass es mir in meiner Persönlichkeit schadet, damit ist eher nicht zu rechnen.

Ganz anders bei einem Meister oder Guru. Auch wenn es sicherlich ebenso der Fall ist, dass ich auch von einem Meister oder Guru etwas lernen kann (so würde ich z.B. davon ausgehen, dass mein buddhistischer Zen-Meister mehr über buddhistische Philosophie weiß als ich und auch in der spirituellen Entwicklungslinie weiter entwickelt ist als ich) so geht es hier im Wesentlichen doch um etwas ganz Anderes:

Die Aufgabe eines Meisters / Gurus ist die, mich in DIE unmittelbare Erfahrung / Erkenntnis des Seins, zum Erwachen, zur Erleuchtung zu (ver)führen.

 

Erwachen: dem Ego geht es 'an den Kragen'

Wie auch immer wie diesen Zustand (Erwachen, Erleuchtung) jetzt konkret definieren (ich finde hier 'die Auflösung der ausschließlichen Identifikation mit dem Ego' hilfreich), klar ist, dass das was mit meinem Ego zu tun hat. Aus Sicht des Egos könnte man auch sagen, dass es dem Ego 'gehörig an den Kragen geht'. Weswegen so ein braves Ego normalerweise eine Menge gegen diese Erleuchtungs-Nummer einzuwenden hat. Meist fährt es dann eine von zwei Strategien (oder eine Kombination aus beiden): entweder sich dieses Projekt 'unter den Nagel zu reißen' und sich zu einem spirituellen Ego aufzublähen ('Ich bin ja schon sooo erwacht!'), oder das Projekt auf eine andere, meist sehr geschickte und subtile Weise zu unterminieren und sich so 'den Arsch zu retten'. Unsere weit entwickelten Egos sind in der Regel so wahnsinnig geschickt, dass sie sich eine Menge einfallen lassen (was wir selber dann leider nicht so leicht bemerken), um sich weiterhin mit sich selbst oder zumindest irgendwas identifizieren zu können.

Ein 'Ich', welches nichts mehr hat, wozu es 'Ich' oder 'mein' sagen kann (keine Identifikation mehr) hat ein Problem. Aus der Perspektive des Ich fühlt sich das so an, als würde es nicht mehr existieren. Keine angnehme Perspektive für so ein kleines 'Ich'.

Der Meister / Guru weiß um diese Zusammenhänge. Er hat seine ausschließliche Identifikation mit seinem eigenen Ego transzendiert und kann seine (immer noch vorhandenen!) Ego-Funktionen und -Fertigkeiten aus dieser Freiheit heraus nutzen.

Um dem Schüler jetzt bei seinem Erwachen zu helfen, braucht es zweierlei:

Einerseits die 'Übertragung' (transmission, nicht transference!) des erwachten Zustandes auf den Schüler. Dazu braucht der Schüler einfach nur in der Nähe des Meisters / Gurus zu sein und sich der Unmittelbarkeit dieser Begegnung zu öffnen um zu erkennen, dass er / sie schon längst das ist, was er in dem Meister / Guru sieht. Das eine Bewusstsein, welches sich durch zwei Augenpaare anschaut und sich darin als sich selbst erkennt.

Andererseits wird ein 'guter' Meister oder Guru auch mal mehr oder weniger harsche Interventionen anwenden, um dem Schüler zu helfen, die eigene Kontraktion oder Identifikation / Verstrickung mit dem Ego zu erkennen und zu lösen. Im Rinzai Zen nutzt der Meister dazu (im übertragenen Sinne) sein 'Samurai-Schwert' und schlägt manchmal mit einem gut gezielten Hieb und mit laserscharfer Klinge genau das weg, was gerade dem Erwachen im Wege steht. Und das ist meist eine Identifikation mit dem Ego oder einem Ego-Anteil. Wird dieser Schlag nicht wirklich aus der absoluten Freiheit und Liebe heraus ausgeführt, kann er erheblichen Schaden beim Schüler anrichten.
Bei einem Guru-Schüler-Verhältnis gibt es nicht minder machtvolle Interventionen. Zu denen ich aber nicht viel sagen kann, da mir die persönliche Erfahrung fehlt.

 

Die Macht des Meisters über den Schüler

So ein Meister oder Guru hat also eine immense 'Macht' über den Schüler. Da der Schüler sich ihm (notwendigerweise) in diesen Dingen anvertraut, macht sich der Schüler sehr verletzlich, was auf Seiten des Meisters / Gurus zu einer großen Verantwortung führt. Dies ist (in diesem speziellen Kontext der Ego-Dekonstruktion) kein 'Augenhöhe-Verhältnis' mit einem in der Postmoderne so beliebten 'jeder ist zu 100% für sich selber verantwortlich'!

Da, wo sich ein 'Ich' gerade in Auflösung befindet (oder das zumindest von diesem Ich gerade so erlebt wird) wäre es absolut kontraproduktiv, von diesem Ich 100% Verantwortung für sich selber zu erwarten. Gerade in dem Abgeben der Verantwortung, in der Hingabe liegt hier ja die große Kraft!

Dass in Meister / Guru - Schülerbeziehungen was schiefgehen und es z.B. zu Fällen von Machtmissbrauch mit üblen Folgen für die Schüler kommen kann, ist leider keine rein theoretische Diskussion. Es gibt viel zu viele Fälle, in denen viel vermeidbares Leid entstanden ist.

Wie also können sich beide Seiten vor solchen (offensichtlich ja nicht seltenen und übrigens psychlogisch meist gut zu erklärenden) unheilsamen Dynamiken schützen, wie sie verhindern?

Im Integral Zen lösen wir das dadurch, dass der Meister (Roshi) nicht mehr (wie sonst im traditionellen Zen auch üblich) die absolute Hoheit und Entscheidungsgewalt in allen Bereichen hat. In 'Erleuchtungsfragen' ist er ohne Zweifel die Autorität, was aber überhaupt nicht bedeutet, dass er irgendwas Sinnvolles zu irgendeiner anderen Entscheidung eines Schülers sagen kann. Deswegen hält er sich da auch schlicht raus.

Umgekehrt ist es sogar so, dass ja auch der Roshi seine Schattenarbeit machen muss und dazu seine 'Spiegel' braucht, die ihn mit den Themen konfrontieren, die er (per Definition, wie erleuchtet er auch sein mag) selber nicht sehen kann. Damit das nicht in ein wildes 'jeder macht hier mal jeden auf das aufmerksam, was er grad (beim Anderen) für einen Schatten hält' ausartet (ein in grünen oder Möchtegern-integralen Kreisen manchmal zu beobachtender Auswuchs), dafür haben wir unsere eigenen Methoden entwickelt, auf die ich hier aber aus Platzgründen nicht eingehen möchte.

 

Unterschied Roshi - Guru

Ein (aus meiner Sicht) wesentlicher Unterschied Roshi - Guru ist folgender:

Der Roshi ist das spirituelle Oberhaupt der Interal Zen Sangha und somit in spirituellen Dingen in der Wachstumshierarchie höhergestellt. Das bedeutet dann aber auch, dass es Mitglieder der Sangha gibt, die ihm in anderen Fragen überlegen und in diesen Bereichen 'machtvoller' als er sind. Geteilte Verantwortung mit klaren Rollen und Verantwortungsbereichen.

Meiner Erfahrung (mit Integral Zen) nach ist das eine sehr hilfreiche Konstruktion, mit der schon innerhalb der Sangha selber eine Art 'Intervision' und gemeinsame kritische Reflektion der verschiedenen Rollen (auch der des Meisters!) möglich wird, wodurch Probleme oder Dynamiken, die zu den oben erwähnten Missbrauchsfällen führen können, (hoffentlich) im Ansatz erkannt und vermieden werden können.

Zudem gibt es noch die Bereitschaft zum Austausch und kritischen Reflektieren mit anderen Lehrern und Sanghas ('Meta-Sangha spiritueller Lehrer'), einfach aus der Erkenntnis heraus, dass auch Gruppen (Sanghas) ihre spezifischen Schatten bilden können, die sie dann selber nicht erkennen können und wozu sie einen 'Spiegel' von außen brauchen.

Nach meinem Verständnis (und das mag falsch sein, es ist das, was ich als Außenstehender bisher wahrgenommen habe) ist das beim Guru-Schüler-Verhältnis anders: hier ist die Basis der Beziehung, dass der Schüler sich dem Guru zu 100% hingibt und ganz anvertraut, was dann jegliche Kritik am Guru eigentlich ausschließt.

So sehr mir auch klar ist, welche ungeheuer transformative Kraft diese 100%-Hingabe haben kann, so groß sind auch die damit verbundenen 'Risiken und Nebenwirkungen'.

Es braucht hier m.E. unbedingt auch einen Mechanismus, der es ermöglicht, mit Kritik am Guru (z.B. von Schülern erkannten Schattenanteilen, die der Guru selber übersehen haben könnte) konstruktiv und offen umzugehen. Nach meinem bisherigen Verständnis schließt sich das im Schüler-Guru-Verhältnis aber aus.

 

Nicht 'absolut', sondern 'relativ pro-Guru'

Das ist dann auch genau der Grund, warum ich keine 'absolut pro-Guru' sondern eine 'relativ pro-Guru' Haltung habe.

Ich wünsche mir (und vor allem allen, die sich entscheiden, diesen Weg gehen), dass sie die ungeheuer positive Kraft, in in dieser speziellen Beziehung liegt, zu ihrer Transformation und zum Wohle aller Wesen nutzen können. Da bin ich eindeutig 'pro-Guru'.

Ich wünsche allen Beteiligten aber auch, dass die leider auch vorhandenen großen Risiken offen und (selbst-)kritisch angeschaut und diskutiert werden können. Dass alle Beteiligten sich immer wieder auf einen konstruktiven, offenen, lernenden Dialog miteinander einlassen.

Dazu müssen wir Beziehungen (Relationen) miteinander eingehen und uns aufeinander (und auf die Themen) beziehen (daher relativ). Das können wir m.E. am besten im Dialog. Den Dialog abzubrechen oder ihm aus dem Wege zu gehen ist in meinen Augen in den seltendsten Fällen eine gute Lösung.

 

Grow Up - Wake Up - Clean Up: gemeinsam im Dialog

Und ich wünsche mir, dass wir alle miteinander lernen, in diesen Dialogen zu unterscheiden, wann sich (mal wieder) unsere eigenen Ego-Präferenzen oder -Muster in den Vordergrund drängen und wann wir wirklich offen, nach der umfassenderen Wahrheit suchend aus dem 'nicht wissen' heraus sprechen.

Dass wir lernen, diese Dialoge zum Bestandteil unserer spirituellen (Wake Up) und Wachstums- (Grow Up) Praxis zu machen.

Dass wir liebevoll und annehmend damit umgehen können, wenn sich in diesen Dialogen Schattenanteile bemerkbar machen (was ja zuweilen vorkommen soll ;-)) und dass wir auch das als eine Einladung willkommen heißen, unsere Schattenarbeit (Clean Up) zu praktizieren.

 

Deswegen werde ich (hoffentlich) nicht müde werden, mich immer wieder für diese offenen Dialoge zu engagieren und ich wünsche mir einfach offene Bereitschaft dazu auf allen Seiten.